Die Morgendämmerung der Migräne: Die Auraphase

Prof. Dr. Hartmut Göbel, Dr. Axel Heinze und Dr. Katja Heinze-Kuhn

Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel; Email kiel@schmerzklinik.de

 

So wie Aurora, die griechische Göttin der Morgenröte, mit langsam aufziehendem Licht den Tag ankündigt, leitet bei ca. 10-15 % der Betroffenen eine Aura die Migräneattacke ein. Mit dem Wort Aura beschreibt man neurologische Symptome, die im typischen Fall für die Dauer von ca. 30 Minuten dem eigentlichen Migränekopfschmerz vorausgehen. Sie sind durch eine allmähliche Zunahme und ein langsames Abklingen gekennzeichnet und bilden sich in der Regel vollständig zurück.

Am häufigsten handelt es sich um Sehstörungen, die einseitig links oder rechts im Gesichtsfeld auftreten. Flimmererscheinungen, Zickzacklinien mit flackernden, farbigen Randzacken, Lichtblitze oder Flecken im Gesichtsfeld, in denen man nichts mehr sehen kann, nehmen allmählich an Größe und Ausbreitung zu. Das Lesen von Texten oder Autofahren ist jetzt erschwert oder wird unmöglich. Auch das Schließen der Augen bringt die Sehphänomene nicht zum Verschwinden. Nach ca. 30 bis 60 Minuten beginnen sich die Sehstörungen dann endlich langsam aufzulösen, um schließlich völlig zu verschwinden.
Etwas seltener sind Auren in Form von Gefühlsstörungen. Taubheitsgefühle oder Kribbelmißempfindungen, wie ein Ameisenlaufen, breiten sie sich langsam von einer Hand über den Arm aus, um dann auf das Gesicht und - besonders unangenehm - Lippen und Zunge überzuspringen. Seltener sind auch Füße und Beine betroffen. Typisch ist in jedem Fall wieder die langsame Ausbreitung und die Einseitigkeit der Symptome.

Auren können sich jedoch auch in Form von einseitigen Lähmungserscheinungen von Arm oder Bein oder in Form von Sprachstörungen äußern. Betroffene haben dann entweder Schwierigkeiten, Worte richtig auszusprechen oder überhaupt erst zu finden.

Treten mehrere Aurasymptome auf so ist ein Aufeinanderfolgen von zunächst Sehstörungen, anschließenden Gefühlsstörungen und schließlich Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen typisch. Dieses zeitliche Nacheinander ist mit der allmählichen Zunahme und dem langsamen Abklingen das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu anderen neurologischen Erkrankungen - insbesondere zum Schlaganfall. Wie schon der Name sagt, ist hier das schlagartige Auftreten aller Symptome charakteristisch.

Im typischen Fall bilden sich die einzelnen Aurasymptome innerhalb von 5 bis 60 Minuten komplett zurück und innerhalb der nächsten Stunde beginnt der Migränekopfschmerz. Man spricht dann von einer Migräne mit typischer Aura. Bei Auftreten von Auren mit mehr als 60 Minuten Länge, die sich spätestens innerhalb einer Woche zurückbilden, liegt eine Migräne mit prolongierter Aura, also verlängerten Auren vor. Bleiben im Einzelfall Aurasymptome nach einem Migräneanfall länger als 7 Tagen bestehen, bezeichnet man dies als migränösen Hirninfarkt. Interessanterweise muß jedoch nicht auf jede Aura auch eine Kopfschmerzphase folgen. Migräneauren ohne Kopfschmerz sind durchaus keine Seltenheit! Nur der charakteristische zeitliche Verlauf ermöglicht dann bei sonst vollkommen unauffälligen ärztlichen und diagnostischen Untersuchungsbefunden die Diagnose.

Eine Sonderform der Migräne mit Aura stellt die Basilarismigräne da. Auch hier kommt es vor oder während der eigentlichen Kopfschmerzen zu neurologischen Symptomen, doch sind diese in der Regel beidseitig lokalisiert. Sehstörungen im linken und rechten Gesichtsfeld, Mißempfindungen oder Lähmungen in beiden Armen oder Beinen können begleitet werden von vorübergehenden Sprachstörungen, Schwindel, Hörminderung, Ohrgeräuschen, Gleichgewichtsstörungen, Doppelbildern oder gar Bewußtseinsstörungen.

Auren sind nicht Zeichen einer ursächlichen Durchblutungsstörung des Gehirns, sondern Ergebnis einer umschriebenen elektrischen Funktionsstörung, die sich langsam von hinten nach vorne über das Gehirn ausbreitet. Letztlich sind Auren damit der Beweis dafür, daß es sich bei der Migräne um eine neurologische Erkrankung handelt. Dennoch besteht statistisch insbesondere für junge Betroffene mit Migräne mit Aura ein um den Faktor 3 erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Andere Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen können dieses Risiko noch beträchtlich steigern. Die gleichzeitige Einnahme einer östrogenhaltigen Pille zur Empfängnisverhütung erhöht das relative Risiko um den Faktor 7, zusätzlicher Nikotingenuß um den Faktor 36! Das Vorliegen von Migräneauren, im veralteten Sprachgebrauch der Medikamentenbeipackzettel auch "Migraine accompagnée" genannt, ist daher eine grundsätzliche Anwendungsbeschränkung für den Einsatz von östrogenhaltigen Pillen zur Empfängnisverhütung. Hier sollte auf andere Methoden ausgewichen werden. Auf Rauchen sollte aus naheliegenden Gründen natürlich auch verzichtet werden.

Auren lassen sich in der Regel durch Außenstehende nicht direkt beobachten. Möglicherweise ist dieses der Grund, warum die Häufigkeit von Migräneauren in der Vergangenheit als sehr niedrig angesehen wurde. Dies wird auch deutlich in der alten Bezeichnung »einfache« bzw. »gewöhnliche Migräne« für die Migräne ohne Aura und »klassische« oder »komplizierte Migräne« für die Migräne mit Aura. Das Namensattribut »gewöhnlich« legte nahe, daß die Migräne ohne Aura das Gewöhnliche und Typische sei, dagegen die Migräne mit Aura die Ausnahme. Vergegenwärtigt man sich jedoch die Mechanismen und die verschiedenen Formen der Migräneaura, wird man schnell erkennen, daß Migräneauren sehr gewöhnliche und häufige Erscheinungen sind.

Viele umschriebene-neurologische Störungen mit den Merkmalen der Migräneaura, die bei Patienten auftreten und denen nicht die typischen Symptome einer Migränekopfschmerzphase folgen, werden häufig nicht als solche erkannt. Diese isoliert dastehenden Auren werden von den Patienten oder Ärzten nicht unter dem Begriff »Migräne« zusammengefaßt. Patienten erleben diese Auren, die ja manchmal nur 10 bis 30 Minuten dauern, ohne daß sie ihrem Arzt davon berichten. Dies ist auch darin begründet, daß die Auren kurz sind, immer wieder auftreten, aber spontan wieder abklingen und eine Klärung dieser Erscheinung deshalb meist nicht eingeleitet wird.

Die Bedeutung der persönlichen Interpretation für die Kommunikation der Aura zeigt sich auch in verschiedenen historischen Beschreibungen von Auraphänomenen. Migräneauren wurden dabei in völlig unterschiedlichem Kontext gesehen. Ein besonders klassisches Beispiel sind die Visionen der Hildegard von Bingen (1098-1179). Hildegard von Bingen war eine schreibkundige Nonne und Mystikerin. Sie beschrieb Visionen, die sie seit Kindheitstagen in Abständen heimgesucht hatten und bis hin zum Lebensende begleiteten. Dies ist ein typisches Beispiel einer Betroffenen, die genaue Aufzeichnungen der von ihr erlebten Phänomene durchgeführt hat, welche Grundlagen für die Beschreibung und Diskussion dieser Phänomene darstellen (Abbildung 1).

Charakterisiert sind die Visionen von Hildegard von Bingen durch einen Lichtpunkt oder durch mehrere Lichtpunkte bzw. Lichtquellen, die von einem schimmernden Randsaum umgeben waren. Die Lichtpunkte und Randsäume bewegten sich wellenförmig.

 

Hildegard selbst ortete die Lichtpunkte als Sterne oder flammende Augen. Zu den Lichtpunkten hin bewegten sich außerdem auch noch weitere leuchtende Punkte mit umgebenden konzentrischen Kreisen. Die Lichtpunkte breiteten sich aus, verschmolzen miteinander und gingen ineinander über. Die "Visionen" der Hildegard von Bingen wurden nach ihren Worten nicht in einem tranceähnlichen Zustand, im Schlaf oder in einem sonstigen veränderten Bewußtseinszustand erlebt, "sondern wachend, besonnen und mit klarem Geist, mit den Augen und Ohren des inneren Menschen, an allgemein zugänglichen Orten, so Gott es will" (Originalbeschreibung von Hildegard von Bingen). Auch die typische Ausbreitung der Migräneaura wurde von Hildegard von Bingen deutlich beschrieben: "Das Licht, das ich sehe, steht nicht an einem festen Ort und ist doch heller als die Sonne."

Auch heute erleben Menschen Migräneauren in gleicher Weise wie die Mystikerin Hildegard. Allerdings sprechen nur wenige Migränepatienten darüber und noch seltener werden sie in der Sprechstunde danach gefragt oder geben spontan darüber Auskunft. Dabei gehören Migräneauren vielleicht zu den interessantesten und faszinierendsten Symptomen, die das menschliche Gehirn in unüberschaubarer Vielfalt generiert.

Behandlung: Bislang können Migräneauren weder medikamentös noch durch Verhalten beeinflußt werden, wenn sie erst einmal ablaufen. Weder Schmerzmittel noch spezielle Migränemittel (Triptane, Ergotamine) können eine Aura verkürzen. Triptane und Ergotamine dürfen sogar erst eingesetzt werden, wenn die Aura beendet ist. Viele Betroffenen nützen die Aura jedoch als Frühwarnsymptom für die kommenden Migränekopfschmerzen und nehmen Schmerzmittel (z.B. Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Paracetamol) in Kombination mit Mitteln gegen Übelkeit (Metoclopramid, Domperidon oder Dimenhydrinat) bereits in der Aura ein, um das erwartete spätere Auftreten von Kopfschmerzen zu verhindern oder zumindest abzuschwächen. Hauptaugenmerk der Behandlung sollte jedoch auf der Vorbeugung liegen. Treten durch gezielte Verhaltensmaßnahmen wie das Einhalten eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus, Achten auf eine regelmäßige Nahrungszufuhr, die regelmäßige Anwendung von Entspannungsverfahren und durch Ausdauersport oder durch vorbeugende Migränemedikamente weniger Migräneattacken auf, kommt es zwangsläufig seltener zu Migräneauren.

Genetische Grundlage: Leidet nur ein Elternteil unter einer Migräne mit Aura, so haben die Kinder ein um den Faktor 3,8 erhöhtes Risiko, auch eine Migräne mit Aura zu entwickeln. Auch die Beobachtung, daß 70 % der von Migräne Betroffenen Verwandte ersten Grades besitzen, die ebenfalls unter Migräne leiden spricht für eine wichtige erbliche Komponente.

Genomprojekt des Bundesforschungsministeriums:

An der Schmerzklinik Kiel wird daher in Zusammenarbeit mit dem Institut für Humangenetik der Universität Bonn die genetische Grundlage der Migräne mit Aura untersucht. Das Vorhaben ist ein Teil des Deutschen Genomprojektes des Bundesforschungsministeriums. Das Projekt umfaßt die Befragung und Information sowie eine einfache Blutuntersuchung von Familien in den gehäuft Migräne mit Aura auftritt. Gesucht werden daher Familien, in denen mindestens 2 Geschwister oder zumindest ein Elternteil und ein Kind unter Migräne mit Aura leiden. Langfristiges Ziel ist es, das Verständnis über die Abläufe bei Migräne zu erweitern, die Diagnose zu erleichtern und insbesondere die Behandlung gezielt zu verbessern. Sollten Sie an dieser Untersuchung teilnehmen wollen, können Sie sich direkt an Prof. Dr. H. Göbel und Dr. A. Heinze unter der u.a. Anschrift wenden und dort Einzelheiten zum Ablauf erfahren.

Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel
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Tel: 0431/2009982
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